(für Jenny)
Ich bleibe sitzen. Ich will aufstehen und umher gehen, doch ich bleibe sitzen. Ich sitze auf dem Boden einer Wohnung und versuche, Gras wachsen zu lassen und zu atmen.
Die Gedanken reisen immer wieder aus meine Kopf ab, bis ich sie dabei erwische. Mal versuchen sie ein Flugzeug in Richtung Vergangenheit zu nehmen, mal besteigen sie die Bahn Richtung Zukunft. Ich sehe sie ernst an; sie starren ertappt und verärgert zurück. Nach und nach, ziehen sie sich wieder zurück; zischelnd und raunend; wild gestikulierend.
Ich stütze die Hände ins Gras, das schon deutlich gewachsen ist. Für einen Golfplatz wäre es weder dicht noch hoch genug, aber der Boden erscheint in einem saftigen jungen grün und ist angenehm weich.
Der Bauch animiert, loszulaufen, über die junge Wiese. Ich bleibe sitzen.
Ein zartblauer Himmel mit ein paar grauen, eckigen, kantigen Wolken spannt sich über die leise und langsam weiterwachsende Wiese.
Meine Beine zucken und zappeln innerlich. Kleine elektrische Impulse rasen vom Hirn durch die Beine in die Füße. Ich schaue ihnen verwundert zu und nehme ihre Eile zur Kenntnis.
Ich bleibe sitzen und atme, damit das Gras nicht verdorrt und die Wolken ins Weiche fließen können. Langsam wechseln die Wolken in verwehende Formen und helles Weiß.
Ich atme ein, und aus. Der Raum um mich herum öffnet sich. Ich atme ein, und aus. Die Wiese breitet sich aus. Ich atme ein, und aus.
Aus den grünen Halmen erheben sich Sprösslinge über die Rasenhöhe hinaus, treiben Blatt für Blatt in alle Richtungen und der Stängel streckt sich gen Himmel. Bald schon kann man die jungen Blätter leise Rascheln hören oder federfeine Nadeln an den Ästchen ausmachen.
Wieder ertappe ich eine Gruppe Gedanken dabei, wie sie ein Fahrrad aus einer Hintertür hinausschieben und Richtung Gestern davonradeln wollen. Sich meines Blickes gewahr werdend, ziehen sie sich beleidigt und grummelnd zurück. Ich bleibe sitzen.
Der Atem bewegt sich – jeder Atemzug ein wenig anders als alle vorigen – auf und ab. Der Himmel erbläut, aus der Wiese sprießen mehr und mehr Blumen und rund um mich herum haben sich die kleinen Bäume erhoben und einen jungen Wald gebildet, der mich auf einer Lichtung sitzen lässt; sitzen und atmen.
Ein paar Gedanken sehen sich verstohlen um und verlassen mich auf Zehenspitzen Richtung Zukunftsvisionen. Mit einem Stirnrunzeln betrachte ich Sie. So etwas wie eine Entschuldigung murmelnd, ziehen auch sie sich zurück, so leise sie können.
Ich sitze und atme.
Die Stängel sind zu Stämmen gewachsen. Manche sind nur eben armdick, hinter anderen könnte sich ein Elefant verstecken. Ich beobachte wie ein Gedanke mich schicken will, nachzusehen, ob sich vielleicht wirklich ein Elefant im frisch gewachsenen Wald aufhält. Ich atme und sitze.
Weit oben zieht ein Bussard Kreise über der Lichtung, auf der ich sitze und atme. Tannenzapfen knacken in der Sonne, der Geruch von Tannen, Harz und Blüten erfüllt die weiche Luft.
Ich lasse all das dort, wo es ist und atme; atme und sitze.
Noch einmal entdecke ich den Impuls, aufzustehen und einem Zitronenfalter nachzujagen, der zwischen den Wildblüten der Wiese davonflattert. Ich bleibe sitzen und atme.
Und dann: Stille und Ruhe. Dasein. Sitzen und atmen, im Hier und Jetzt.
© G.D.
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