(für meinen Bruder)
Manchmal, da ist Sie großzügig und gibt ihm Freiräume um sich zu entfalten.
Gerade jetzt ist ein solcher Moment. Er hat Urlaub und liegt, die Sonne genießend in der Hängematte zwischen dem in weißer Blüte stehenden Kirschbaum und dem Eckpfeiler der kleinen Gartenlaube. Letztes Jahr in den Sommerferien hatte Sie ihm erlaubt die Laube zu planen und zu errichten. Zwar hatte Sie anschließend dafür gesorgt, dass er die Laube beinahe den ganzen Sommer über nicht nutzen konnte und hatte ihn, indem Sie ihn stetig an wichtigere Dinge erinnerte welche er noch zu erledigen hatte, ständig daran gehindert, sich einmal mit einem guten Buch in der Gartenlaube niederzulassen um die Ruhe, die Laube und das Buch zu genießen, aber das alles war heute vergessen. Gedankenverloren betrachtete er, die Beine rechts und links über den Rand der Matte hängend, die kleine Gartenlaube für eine kleine Ewigkeit. Dies alles gestattete Sie ihm heute großmütig, und ohne ihn auch nur im geringsten zu stören.
In solchen Augenblicken mochte er Sie wirklich; ja dann liebte er Sie beinahe.
Aber manchmal, nein häufig, da quält Sie ihn. Da hetzt und drängelt Sie, lässt ihm keinen Raum um Atem zu holen.
Einmal saß er gerade schweigend auf einer Bahnhofsbank. Aus ungemütlichem und kaltem Stahlgitter zusammengeschweißt, war die Bank. Er saß mitten in einer kalten, zugigen Wartehalle auf der ebenso kalten Bank. Da begann Sie damit stumm, in unerbittlich langsamen Kreisen um ihn herumzuschleichen. Es machte ihn beinahe wahnsinnig.
In solchen Momenten hasst er Sie. Dauernd nach Ihr sehen, muss er dann. Sie zwingt ihn in solchen Augenblicken dazu, sich intensiv um Sie zu kümmern. Am Ende all seiner Bemühungen wird er von Ihr meistens doch nur durch den Tag gepresst. Wie Fleischbrei, durch den Fleischwolf gedreht, eingequetscht und verarbeitet, kommt er sich an solchen Tagen vor.
Es ärgert ihn besonders, weil Sie im Kreise von Freunden, auf Konzerten, in Ausstellungen oder während eines romantischen Abendessens meist verschwindet, so schnell es irgend geht.
Hin und wieder kommt es vor, dass Sie ganz plötzlich langsamer geht, ganz selten sogar abrupt stehen bleibt und ihn ansieht; mit den Augen eines völlig fremden Menschen, mit der Schönheit der ganzen Welt. In solchen Augenblicken ist Sie seine Freundin, die ihn schützend in den Arm nimmt, bei der er sich ausweinen kann.
Die glücklichsten gemeinsamen Momente waren und sind jedoch stets jene, in welchen er Sie nimmt, denn nur dann, dass weiß er, gehört Sie ihm ganz und wirklich. Dann, innerhalb dieser wenigen Momente, hat er Sie, und Grundsatz und Gewohnheit verkehren sich. Er bestimmt plötzlich über Sie.
Er hofft, dass er noch lange etwas von Ihr hat, denn er weiß Sie trotz allem zu schätzen; weiß, dass er Sie braucht und auf Sie angewiesen ist. Er wird sein Leben mit Ihr verbringen, das steht fest, und Ihre Bedeutung für ihn wird Sie sicherlich erst mit seinem Tod verlieren.
Er lächelt bei dem Gedanken daran, dass es ihm, trotzdem Sie und er bis an sein Lebensende unzertrennlich sein werden, wichtig erscheint, Sie sich einzuteilen.
© G.D.
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