Eine Skyline; schwarz vor nachtblauem Hintergrund. Die ersten Sterne; je ferner des Horizonts, desto mehr. Weiße oder hellgelbe Fenster; Tupfen mitten in den Schattenrissen der Wolkenkratzer, die heute nur in Richtung Sterne deuten können, denn der Himmel über der Stadt liegt in wolkenloser Sanftheit.

Durch das gekippte Fenster spritzt, neben der einsickernden, schon recht weichen Nachtluft, das Geräusch der vorbeifahrenden Autos herein; aus einigen Stockwerken Entfernung. Es ist nicht lauter als der Klang des Stahls, der sich durch Paprikaschoten, Zucchini und Bohnen drängelt; ein Rascheln, nicht mehr.

Es riecht feucht und nach einer leichten Säure. Es riecht sommerlicher, als die von außen herein fließende Luft. Vor allem aber riecht es verletzt und zugleich zuversichtlich; irgendwie nach schmerzlicher Auflösung und gleichzeitig nach ruhiger, tröstlicher Gewissheit.

Wieder, wieder und wieder, im immer gleichen wiegenden Rhythmus, teilt das Messer was einmal Eins war, damit es neu gruppiert und zu etwas Neuem zusammengestellt werden kann. Manches wird in sehr kleine Stücke zerlegt, manches wird von einer harten oder auch einer Weichen Schale befreit. Anderes wird entkernt. Mal ist es der weiche Teil, der Verwendung findet, mal ist es der harte und ein weiteres Mal beides. Das eine oder andere muss gekühlt werden. Vieles wird erhitzt. Teilweise kurz und schnell, manchmal langsam und schonend. Einzelnes wird unter Wasser getaucht. Hin und wieder wird etwas eingerieben oder eingelegt.

Die Metamorphose der Bruchstücke hat begonnen. Nichts bleibt, wie es zuvor war. Alles ändert seine Gestalt.

Von Draußen her sind Stimmen zu hören. Stimmen die, hört man genau hin und sortiert man einzelne heraus, nicht gerade freundlich klingen, die aber als Mischung eine angenehme Hintergrunduntermalung erstehen lassen. Oberhalb dessen fallen Klavierklänge in den Raum und im Vordergrund die Gemüsewürfel in die Pfanne. Das Zischen des verdampfenden Wassers schiebt sich zwischen Vordergrund und Hintergrund und verbindet alles miteinander.

Mehr und mehr nimmt das Neue Form an und die gebildeten Aromen erobern das Gemisch aus Nachtluft und Wohnungsgeruch. Dem Prozess der Veränderung wohnt eine gewisse Beruhigung inne. Es tut gut zu sehen, dass nicht „kaputt“ gegangen ist, was zerlegt, zerteilt, zerquetscht, ausgepresst, gehobelt, gerieben, geraspelt, geschnitten oder gehackt wurde. Alles, jedes noch so kleine Stück, fügt sich letztlich an dem ihm bestimmten Ort zum neuen Ganzen zusammen. Anders als zuvor und als Teil des Entstandenen vielleicht auch besser oder größer, als es allein je gewesen ist.

Und als Sauce sich zwischen die einzelnen Gruppen des Neuen schiebt und alles verbindet, dringt von draußen ein Knall herein. Aus dem Fenster ist trotz der Dunkelheit deutlich zu sehen, wie zwei Pkw sich so ineinander verkeilt haben, dass sich nicht mehr sagen lässt, wo der eine beginnt und wo der andere endet. Die Straße ist übersät mit Einzelteilen, die in dem entstandenen Knäuel wohl keinen Platz mehr gefunden haben.

Wein, entstanden aus zerquetschten, einem Gärungsprozess ausgesetzten Trauben, streicht aus der Flasche in die Gläser. Dort wird er sich mit dem Sauerstoff aus der Luft verbinden, um später die Zungen auf den Geschmack der Erneuerung vorzubereiten.

Der mittlerweile tiefschwarze Himmel ist über den Horizont hinweg mit dem Grund verwachsen. Keine Silhouetten heben sich mehr ab. Fenster und Sterne sprenkeln verwechselbar die einheitliche Dunkelheit. Und morgen früh wird sich der Himmel durch den Horizont vom Boden trennen lassen, damit ein neuer Tag anbrechen kann.

© G.D.