Die Spitzen der Hochhäuser ersticken im Nebel. Mein Herz ebenso. Es schläft; träumt unruhig und übel, von Vergangenem und düsteren Vorahnungen durch sonnenferne, kahle Zeit-Träume gepeinigt. Ein Griff zum Haken und die Muskeln des Armes spannen sich deutlich unter der Rüstungslast. Minuten später ist sie angelegt. Der Helm wandert vom Bord auf den Kopf. Die Musik ist bei weitem voluminöser als die flachen Ohrfreunde im Helmpolster.

Eine Tür, eine Treppe, ein Tor und da steht sie. Die immertreue Weggefährtin, der es nie an Lust, Zeit, Muße oder Kraft gefehlt hat, um mich aus schweren Tagen hinaus in eine bessere Zeit zu tragen. Sie spricht nicht in Worten zu mir. Nie. Vermutlich, um nicht eines Tages einmal das eine gesagt und etwas anderes getan zu haben. In diesem tröstlichen Gedanken verharrend, fahren die Grußfinger zärtlich über die schlicht makellosen Formen.

Ich steige auf. Ein leichter Druck an die richtige Stelle weckt sie und lässt mein wutgetränktes, trauerbestäubtes Dunkelbrandherz etwas leichter schlagen. Verlässlich wie immer; wie einfach immer. Wir verlassen den Hof, die Straße, die Stadt und sie zeigt mir, was in ihr steckt. Gierig greift sie Meter um Meter, rafft die Straße dahin, durchschneidet butterweich Wind und Zeit, schiebt, drückt, ja presst die Nadel hart und härter ans Ende des Kreises. Sie schreit heraus, was in mir wütet, bügelt die Schläge aus, die mich beinahe umgebracht hätten und versetzt mich Sekunde um Sekunde aus diesem Irrenhaus der Unzuverlässigen, geistig Naturtrüben, egomanischen Selbstverlierer und seelenzerfressenen Herzinvaliden hinaus in die Weite selbst.

Mein Herz erhebt sich über den Gedankennebel hinaus, bis die Strahlen der Klarheit es wieder erreichen und erwärmen. Der Dunkelmarmor hat aufgehört zu bröckeln; gleichwohl bleibt er natürlich hart, glatt und kalt, auf seiner braunen Schale. Weiß, Schwarz, Weiß, Schwarz, Weiß, Schwarz, wechseln sich die sichtbaren Auswüchse gewünschter ideeller Begrenzungen mit dem Haftgrund ab. Grün, Blau, Rot, Braun, Weiß, die tatsächlichen Grenzen des Fluchtkorridors.

Noch immer bohrt sich der Schmerz in den Marmor, als sei er nur Toffee. Weiter weicht die Wut ihn auf. Und auch die Kuvertüre aus Angst persistiert. Aber sie weiß, wie sie damit umzugehen hat. Geschmeidig pendelt sie von links nach rechts und zurück. Geduldig verneigt sie sich mit mir gen König Grund, der uns trägt und stützt. Brutal und rücksichtslos, wie es mir gefällt, treibt sie sich selbst zu Höchstleistungen an, die sie mir nebenbei ebenfalls abverlangt.

Es gibt kein Vertun, kein Falsch, kein Zurück. Wie ich mich einst in die Nachtspitze, katapultiert sie mich nun hinaus ins Weite, in eine sicherlich glückliche Zukunft und gleichzeitig weiter und tiefer in mich hinein.

Irgendwann, wenn die selbstverachtende Hetze mir Frieden gebracht und sie sich etwas entspannt hat und weniger nach vorne strebt, wenn sie derart mit dem Untergrund verhaftet ist, dass ich die Vergangenheit leichter gehen lassen kann und wenn der Respekt vor dem Hier und Jetzt die Angst vor der Zukunft geschluckt hat, dann kehren wir um. Glücklich und durchaus erschöpft und abgekämpft, aber besserer – vielleicht sogar bester – Laune, leiten wir uns, zerschunden und rücksichtslos bis an die Grenze des Machbaren gewirtschaftet, gegenseitig zurück an den Ort des ersten Akts.

Die Spitzen der Hochhäuser stechen noch immer in den Nebel. Wir sind äußerlich noch dieselben, die gemeinsam diesen Platz verlassen haben, in einer gefühlt anderen Epoche. Aber mein Herz ist über die Dunstnetze gestiegen, in denen es sich verheddert hatte und innerlich ist vieles wieder am rechten Platz.

Auch diesmal fahre ich, nachdem sie wieder schlafen gegangen ist, noch einmal ihre Konturen mit den Fingern nach, den Kopf in wärmeren und klareren Gedanken versteckt. Dann erst schließe ich das Tor und diese eine, ganz spezielle Pforte meines Herzens, die außer ihr wohl nie jemand durchschreiten wird.

© G.D.