(für Natalia)
Dunkelheit ist über den Abend hereingebrochen. Schnee schwebt sachte aus dunkelblauem, sternenklaren Himmel herab und schmiegt sich an den gefrorenen Boden. Es ist still. Gedämpft klingen Lachen und Gespräche aus den gemütlich beleuchteten Häusern entlang der schweigsamen Straße an bemützte Ohren. Kleine Nebel verlassen weiche Lippen unterhalb heller, wachblauer Augen. Von innen schmiegen sich, nur etwa zur Hälfte sichtbar, weiße Zähne an die beiden hellroten Kusshoffnungen. Ein Lächeln wird, vorbei an den beredeten Häusern der sprachlosen, weißen Straße dem Wald entgegen getragen.
Sie hat Geschenke gekauft, die mit besonderem Bedacht ausgesucht wurden, und sie mit besonderer Sorgfalt verpackt. Alle Päckchen sind ordentlich beschriftet und liegen unter dem großen Baum. In wenigen Stunden werden sie unter erwartungsvollen Blicken geöffnet werden und Lachen in Gesichter zaubern, beinahe wie das Lachen der erstaunten Zuschauer eines Kartenspielertricks, aber nicht mit billiger Illusion, sondern mit teurer Gedankenzeit erkauft. Es macht sie in einer gewissen Art glücklich, um diese anstehenden Augenblicke der Freude zu wissen, aber es macht sie auch traurig; Traurig, weil sie niemals Teil all dessen gewesen sein durfte. Einmal ein ganz persönliches Wunder zu erleben, dass sich nicht nach wenigen Minuten als leicht zu durchschauender Trick, als einstudierte Illusion entpuppt, das war früher einmal ihr Wunsch.
Trotzdem treibt sie mit leichtem Herzen und im Reinen mit den Menschen und Dingen um sich herum auf den Waldrand zu. Wie Treibholz hat sie sich an den meisten Tagen gefühlt. Nutzlos nur deshalb, weil niemand Verwendung für sie zu haben schien und nicht, weil sie sich selbst für nutzlos gehalten hätte. Sich im Kreis drehend den Fluss hinab zu treiben, wohin auch immer die Strömung sie führte, um irgendwann den Wasserfall hinab zu fallen, zu zerbrechen und in kleinen Teilen an verschiedenen Stellen angespült zu werden, das schien ihre Bestimmung zu sein, die niemand nachvollziehen oder verstehen konnte oder wollte. Ihre Versuche, in Worte zu fassen wer sie war und was sie suchte, wurden belächelt oder brachten die Menschen dazu, sie mit Mitleid zu ertränken. Wenn sie sich in Bildern ausdrückte, wurden diese als ’schön‘ oder ‚ungewöhnlich‘, selten auch als ‚kitschig‘ beschrieben, aber niemand schien zu verstehen. Lange hatte sie darauf gewartet geschenkt zu bekommen, was sie sich am sehnlichsten wünschte. Irgendwann war sie zu der Einsicht gelangt, in dieser Welt bekomme man nichts geschenkt und alles sei das Ergebnis harter Arbeit, woraufhin sie ihr Ziel durch Arbeit zu verwirklichen versuchte. Aber niemand schien willens oder in der Lage, ihr zu geben was sie suchte, weil niemand verstand oder verstehen wollte, was genau sie suchte und wer sie wirklich war. Lange Zeit war sie alleine dahin getrieben, wohin die Strömung sie geschickt hatte. Irgendwann an diesem Morgen jedoch, hat sie beschlossen, sich selbst ein Geschenk zu machen.
In ein leichtes Rot getauchte Wangen treten zwischen den Häusern hervor und verschwinden zwischen Stämmen die noch lebendige Äste, und Ästen die noch grüne Nadeln tragen. Sanfte Mundwinkel steigen an der Wangenwand entlang dem Ohrgipfel entgegen, als ihre schlanke, kalte Hand in die Tasche der Winterjacke greift und das Stück des ganz besonderen Geschenkbands ertastet, dass sie sich ausgesucht und mitgenommen hat. Die lauten Gebäude sind dem leisen Flüstern des Waldes gewichen, den selbst die Tiere verlassen zu haben scheinen, heute Abend. Auch das macht ihr nichts, denn so kann sie sich mit ihrer alten, ewig schweigenden Freundin unterhalten, die als einzige niemals von ihrer Seite gewichen ist. In die wortlose Unterhaltung vertieft, beginnt sie damit eine besonders schöne Schleife für ihr Geschenk zu binden, mit dem braunen Geschenkband aus ihrer Jackentasche.
Sie umarmt für eine Weile einen der Stämme, die noch stehen dürfen und nicht treiben müssen. Dann lässt sie los und treibt davon, in einer perfekt gebundenen Schleife. In ihren Ohren rauscht der sich nähernde Wasserfall. Sie lächelt und die kleinen Nebel schwellen stetig an, bis sie die, sich für einen Gischtnebel des nahenden Wasserfalls gebührende, Größe erreicht haben. Der blaue Himmel verschwimmt erst mit dem Blau der Augen, dann mit dem Blau der Wangen und schließlich mit dem Blau der herab fallenden Wasser.
Manchmal frage ich mich, ob sie sich vielleicht nur selbst langweilig wurde, nachdem sie sich entdeckt und in allen Facetten kennen gelernt hatte. Jedenfalls hoffe ich, dass sie an ihrem Ufer angespült wurde.
© G.D.
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