Manchmal sehne ich mich nach einer richtigen Großstadt. Einfach, weil ich gerne etwas öfter allein wäre. Eigentlich ist es natürlich das Einsam-sein, und das spürt man viel besser, wenn man dabei nicht allein ist. So rum ist es richtig.

Ich mag einfach keine Menschen. Manchmal.

Und ich will durch eine große Glasscheibe schauen, wie die anderen einsam vorbeigehen; am liebsten im Regen. Vor mir soll ein Kaffee stehen, mit Milch und Schaum, oder ein Tee. Vielleicht ein heißer schwarzer Tee, oder ein nicht ganz so heißer grüner. Aber der Tisch muss aus Holz sein, und so hoch, dass man nur mit einem Stuhl daran sitzen kann, der selbst so hoch ist, dass man fast drauf klettern muss.

Ganz gut wäre, wenn es so voll ist, dass ich nicht auffalle, aber auch nicht so voll, dass man seinen eigenen Gedanken nicht versteht oder sich irgendein Idiot auf den Stuhl neben einen setzt. Bescheuerten Gesprächen will ich nämlich nicht zuhören müssen.

Schon gar nicht, wie Sie alle von ihren geilen Reisen erzählen, in ganz weit entfernte Länder. Und wie toll die Kultur und die Menschen dort sind. Dass das alles so eine ganz andere Philosophie ist und die da ja alle so entspannt sind. Und dass wir uns da ja eine Scheibe von Abschneiden könnten.

Und ich will auch nix von den unfassbar vielen Sportarten und extremen Hobbies hören müssen, die alle treiben. Nix von Fallschirmspringen, Segelfliegen, Paragliding, Canyoning und Bungeejumping. Nix von Triathlon, Marathon, Bergsteigen, Klettern, Tauchen und dem anderen Zeug.

Wenn ich noch einer Unterhaltung über Essen zuhören muss, bei der von Quinoaplätzchen und Superfood die Rede ist, kotze ich meine Pancakes mit Ahornsirup von heute Morgen über den Holztisch, aber ich werde darauf achten, dass die Soße schön den Essensextremisten in den Schoß tropft.

Die schönste Einsamkeit können einem auch diese bescheuerten politischen Debatten versauen. Wahrscheinlich wäre es irgendsoeine Tante, die mit Rasterlocken im Gummiband das Kaffee betritt und dabei ein Shirt trägt mit irgendeinem bescheuerten Spruch drauf. Sowas wie „kein Sex mit Nazis“, oder ähnlich sinnhaltiges.

Ich mag einfach keine Menschen.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass wir aufgehört haben einander zuzuhören? Irgendwann war es auf einmal „in“, wenn man gewisse Meinungen einfach nicht mehr akzeptiert hat. Und dann war es plötzlich verpflichtend.

Darüber würde ich nachdenken wollen, während ich einen ganz normalen Kaffee mit ganz normaler Milch trinken würde. Und während die ganzen Menschen, einzeln oder zu zweit oder in Gruppen, mehr oder weniger einsam vorbei laufen, würde ich mich fragen, ob es nicht sinnvoll wäre erst mal andere Meinungen einfach anzuhören. Oder ob es vielleicht sogar gut wäre, sich über Fakten auszutauschen. Und hey, vielleicht könnte man danach die unterschiedlichen Meinungen sogar auf Grundlage der Fakten diskutieren. Weiß Gott, am Ende käme man vielleicht noch zu einem Ergebnis.

Am schlimmsten wäre natürlich ein Kompromiss zu ertragen, nehme ich an. Weil das ja für den einen oder anderen bedeuten würde, dass er seine Religion aufgeben müsste. Das ist es nämlich am Ende doch, was die ganzen Extremen da draußen verbindet. Ihre Meinung ist die einzig richtige und die anderen liegen so falsch, dass man mit ihnen nicht mal diskutieren darf, weil man dann schon dazugehört.

Ich hasse Menschen.

Vielleicht würde ich zu meinem Tee noch eine Kleinigkeit zu Essen bestellen. Einen Salat, oder einen Keks, oder eine Suppe. Und ja, vielleicht wäre auch Fleisch drin. Vielleicht aber auch nicht. Wieso ist es eigentlich für so viele voll ok, wenn man jemandem etwas zu essen verbietet, das der gerne mag, aber nicht ok von jemandem zu fordern, dass der etwas isst, was er nicht gern mag? Während es beim Sport irgendwie für viele in Ordnung ist, den anderen dazu zu bringen etwas zu tun, was er nicht mag, statt selbst etwas zu lassen, das man mag? Total komisch, finde ich das gerade. Aber vermutlich folgt auch das keinen logischen Überlegungen, sondern irgendwelchen Gefühlen.

Die Menschen sind so verrückt, dass sie mittlerweile sogar Politiker für das verurteilen, was die noch gar nicht getan sondern nur gesagt haben, obwohl jeder weiß, dass Politiker quasi nie das tun, was sie sagen. Und dafür wiederum macht ihnen niemand einen Vorwurf. Das soll mal einer verstehen.

Und wenn ich eine Weile gesessen und meinen Tee oder Kaffee getrunken hätte, würde ich zahlen und gehen. Wahrscheinlich würde mein Gesicht dabei ziemlich besorgt aussehen.

Die Tür des Cafés würde hinter mir zuschwingen und ich würde durch die ganzen voll mega sportlichen oder echt zu dicken Menschen gehen, durch all die Wutbürger und Gutmenschen, die sich gegenseitig so einteilen und für die es auch nur diese beiden Kategorien gibt. Zwischen den Foodies und denen hindurch, denen ihr Essen scheiß egal ist. Denen es völlig wurscht ist, wie das Schwein in ihrer Wurst vorher gelebt hat und die sich keinen Kopf drum machen, wie es sein kann, dass ihr Fleisch billiger ist als Gemüse. Vorbei an denen die glauben, dass ihre Form der Ernährung die einzig wahre ist; vegetarisch oder vegan oder lowcarb oder was auch immer. Diese Sorte, die schon am Wochenende für die gesamte Woche vorkocht, nur damit unter der Woche bloß genug Zeit für Sport bleibt; sechs bis acht Mal und jeweils mindestens drei Stunden.

Und weil ich sonst wahrscheinlich einfach schnurstracks auf die Straße vor einen möglichst großen LKW laufen würde, müsste ich den Gedanken an Religionen und all das, was diese Fanatiker für bescheuerte Ideen haben unterdrücken. Ich kann einfach nicht auch noch darüber nachdenken.

„Ich kapier’s nicht“, würde ich auf dem Heimweg denken. Ich kapier’s einfach nicht, dass es nicht mehr möglich sein soll, weitgehend in der Mitte zu leben. Und warum die Menschen glauben, Meinungen würden verschwinden indem man sie ignoriert, totschweigt oder verbietet, kapiere ich auch nicht.

Manche wünschen sich ja heute Einhörner oder Regenbögen. Mir würden ja schon echte Toleranz und Akzeptanz – nämlich die, unbequemer Meinungen – und ein offener Diskurs darüber reichen; natürlich auf der Grundlage von Fakten. Aber vermutlich finde ich dann doch eher ein Einhorn; wahrscheinlich biologisch und ökologisch unbedenklich gezüchtet. Und mit dem kann ich dann einfach ins Regenbogenland verschwinden. Immerhin.

Und wer weiß, vielleicht treffe ich auf dem Weg dorthin doch ein paar Menschen, die sich nicht völlig verunsichert an selbst erschaffene Götter geklammert haben und die ich deshalb nicht so doof finden muss, wie all die anderen.

© G.D.