Dunkel, in stillem Frieden und erwartungsvoller Leere, liegt die riesige Halle in der Nacht. Boden, Wände und Decke bestehen aus Beton und dennoch ist es warm im Inneren.
Leise öffnet sich eine kleine Seitentüre und eine gebeugte junge Frau schleicht sich nackt und einsam in den kahlen Raum. Einen Augenblick noch gibt die Türöffnung die Sicht nach Draußen frei. Wolken bedecken den fahl schimmernden Nachthimmel und es schneit. Die warme Hallenluft flimmert einen Moment der tief hängenden Wolkendecke entgegen; dann wird die Tür vorsichtig ins Schloss gezogen. Nicht das leiseste Klicken stört die heimliche Stille, so sanft schließt Sie die Tür.
Zitternd setzt sich die Angekommene in eine Ecke der riesigen Halle, lehnt sich rittlings an beide Wände, schließt die Augen und legt den Kopf langsam weit in den Nacken, bis auch dieser beide Wände berührt. Sie atmet langsam, tief und lange ein; die Brust hebt sich.
Der Atem strömt wieder aus, die Brust senkt sich und die ersten Takte schmeicheln weich durch den Raum; füllen die Halle bis hinauf zur Decke. Wände atmen die Wärme aus, die Stille löst und wandelt sich in breite, sanfte Ruhe.
Farben entstehen in der Dunkelheit. Ein Klangschiff erhebt sich leichthin aus den Tonfluten der jungen Halle, setzt lichtweiße Segel und lichtet den schwermütigen Anker. Einige Melodien verwandeln sich in Gerüche und treiben sichtbar durch die mehrklangwassergeflügelte Halle, streichen über das Deck des schlanken, sich zitternd auf den steigenden Fluten empor hebenden Schiffes und haften als farbenfrohe Duftblüten an den vormals grauen, nunmehr Nur-Ton-Wänden. Andere Melodien werden Licht und beleuchten farbenprächtig die Sinn-Phonie.
Sie steht an Deck und blickt mit ehrlichem und sehnsuchtsvollem Lächeln über die Wogen. Mächtig blähen sich die Segel unter der Kraft der Komposition und schnell schneidet der grazile Bug durch Klangfluten voll grauer Vergangenheit und dunkler Zukunft der Hallenwand entgegen. Eine machtvoll dahinstreichende Notenfolge drückt auf die spröde Hallenwand, durchbricht sie mit einem Paukenschlag und spült die junge Frau mit ihrem Schiff hinaus ins Freie.
Der Himmel reißt auf, langsam verklingt die Musik und die Fluten verlaufen sich. Eine junge Frau steht mit hoffnungsvollem Blick an den Resten einer Reling und schaut, vorbei an den letzten vorbei ziehenden Wolkenfetzen, hinauf in den sternenklaren Himmel während sich in ihrem Rücken die Risse und Durchbrüche der Halle schließen.
Und dennoch verdunkeln in dieser Nacht keine Wolken mehr den klaren, tiefblauen Himmel, denn der Tag naht bereits.
© G.D.
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