Leere Tage beginnen meist erst gegen Mittag. Vielleicht so zwischen 11 und 13Uhr. Bis dahin ist man erwacht, aufgestanden und hat gefrühstückt. Möglicherweise hat es auch noch zu der einen oder anderen sinnvollen Tätigkeit wie Wäschewaschen oder Aufräumen gereicht. Doch dann, plötzlich, tritt die Leere ein.
Sie taucht auf, wie ein riesiger Fisch aus dem Wochenozean voller Tage, Stunden und Minuten und verschluckt den Rest des Tages mit Stumpf und Stiel. In zähem Schleim wird man verdaut. Erst verkleben die Bewegungen, dann wird die Sicht trüber und zuletzt pappen die Gedanken an Vergangenem.
Es sind diese Tage die zu still sind, zu blass und zu grau, selbst bei hellstem Sonnenschein. Die Zeit streckt sich gähnend und gewaltig ins Gestern und ist im Licht des nächsten Tages kleiner als ein Hobbit auf Knien. Es sind Tage, die von ihrer Leere und Einsamkeit so überzeugt sind, dass Sie protzend im Universum versickern, statt sich abzunutzen und zu vergehen.
Sie sind nicht wie die gebrauchten Tage, die schon abgenutzt oder zumindest angenutzt beginnen. Diese Tage an denen nichts recht zu gelingen scheint und die sich auch nicht ans Leben schmiegen. Gebrauchte Tage scheinen auf jemand anderen angepasst zu sein. Wie ein maßangefertigter Schuh, bei dem zwar die Größe stimmt, der sich aber am Fuß eines anderen Trägers dennoch unbequem anfühlt; zu eng an der einen und zu weit an der anderen Stelle, holprig und kantig.
So sind sie nicht, die leeren Tage. Es ist eher ein one-size-fits-all Gefühl, bei dem die Hose so weit und lang geschnitten ist, dass sie niemandem zu eng ist. Aber von “passen“, kann keine Rede sein. Richtiger wäre wohl ein one-size-fits-nobody Gefühl. Es sind Tage, die so weit sind, dass man fast keinen Kontakt zu ihnen bekommt. Es sind kaum Berührungsmöglichkeiten vorgesehen und eben diese fehlenden Kontakte machen es beinahe unmöglich, den nach der eingetretenen Leere verbleibenden Resttag zu nutzen.
Man kann sich dem Tag ergeben und gähnend dem Versickern der Zeit zusehen. Dabei schlüpft der Geist meist aus dem Körper und sieht zu, wie die Leere das Herz und die Seele foltert. Selbst der Schmerz bleibt an diesen Tagen aber nur eine blasse Idee der Realität.
Möglich ist auch der Versuch, sich gegen die Leere zu stellen und Inhalt in diese Tage hineinzustopfen. Ausflüge, Gartenarbeit, Lesen, Putzen oder basteln, sind flehentlich verzweifeltes Klammern an den Abgrund, in den man hineinzurutschen droht. Doch alles wird von der Leere verschluckt. Egal wieviel einem auch an Füllmaterial in den Sinn kommt, nichts genügt um auch nur den nicht zu sehenden Boden des schweigenden Abgrundes zu bedecken.
Manchmal kommt auch die Idee auf, die in der Zeit klaffende Lücke mit einem ausgedehnten Schlaf zu überspannen. Wehe aber, wenn Erwachen die Flucht unterbricht. Wann immer das geschieht, scheint es, als sei die Leere zwischenzeitlich mit mehr Nichts gefüttert worden, gewachsen und nunmehr fetter und klebriger als vor dem Fluchtversuch; unerbittlich wärmer und klammernder und nicht mehr bereit, einen ein weiteres Mal entkommen zu lassen.
Eine weitere Variante ist es, sich dem Tag weder zu ergeben, noch entgegenzustellen, sondern mit ihm dahinzufließen und sich versickern zu lassen von der zähflüssigen Leere. Die Bewegungen im Tag lassen sich – zusammen mit den eigenen Gedanken – dem pappigen Zeithonig angleichen. Leicht wogend und teigig fließend wird Kurs genommen in den Untergrund. Mit etwas Glück treibt man an den Erinnerungen vorbei, ohne anzuecken, ohne hängen zu bleiben und ohne in panische Ruderbewegungen zu verfallen, die Kraft kosten ohne Änderungen herbei zu führen.
Und irgendwann, vielleicht die Hälfte der eigenen Lebensjahre später, stößt der Tag an die – ihm wie allen Dingen – gesetzte Grenze und muss aufgeben, den treibenden, rudernden, mit oder gegen die Flussrichtung paddelnden Tagnutzer freigeben und danach vollständig verrieseln.
Und dann ist es ebenso plötzlich ausgestanden, wie es begonnen hatte.
© G.D.
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