Es ist heiß, seit Wochen und Monaten. Es ist nicht nur irgendwie warm, es ist wirklich brennend heiß. Seit einer gefühlten Ewigkeit liegt die Hitze zwischen den Häusern und auf den Feldern. Sie belagert den Wald und vielerorts hat die Belagerung jede Verteidigung schon gebrochen. Durst hat mittlerweile nicht nur Blüten und Blumen, sondern auch Büsche, Gras und erste Bäume in die Knie gezwungen. Kein Vertun möglich, das hier ist ein Sommer. Die Luft flirrt so unerträglich, dass man den Klang der Hitze zu hören glaubt. Vielleicht ist es dieser Ton, der jeden klaren Gedanken in seinem Klangstaub versteckt. Die Vernunft sitzt im Schatten und jammert ausgedörrt vor sich hin.
Regen ist nur noch eine verblassende, ferne Erinnerung, fast schon eine Legende. Ein warmer Wind ist die größte Gnade, die der Gott seinen Jüngern – und großzügiger Weise auch allen anderen – selten genug erweist. Am selben Trieb reifen die Früchte und vertrocknen die Blätter.
Und doch gefällt mir dieser Sommer, obwohl ich eigentlich keine Sommer mag. Diesen mag ich, weil er echt ist. Hart, trocken, bitter und unerbittlich bis tief unter die verbrannte Grasnarbe. Eine Jahreszeit, die ihren Anbetern zeigt, wer Gott und wer Gläubiger ist. Die Huldigungen weichen mehr und mehr den Beschwerden. Genau das scheint ihn zu animieren, noch einmal nachzulegen, einzuheizen und anzufachen.
Eine lange totgesagte Macht ist zu alter Größe erstanden.
Jede Woche sind für den einen oder anderen Tag Gewitter angekündigt, die doch nie eintreffen, Regen, der nicht fällt, Wolken, die nicht zu sehen sind. Leere Versprechungen unfähiger Propheten, die in der Hoffnung weiterwürfeln, die Statistik müsse Ihnen nun doch einmal beispringen und zur wahren Weissagung verhelfen. Doch nichts dergleichen geschieht.
Der Sommer hat Ihnen seine Gnade entzogen. Verständlich, wo es doch dieselben Propheten sind, die ihm in der Vergangenheit den Totenschein ausgestellt hatten, lange bevor er seinen letzten Atemzug getan hatte. Jene Unken, die schon zu Beginn des Jahres die Omen für sein frühes Ende gesehen haben wollten und ihm – obschon noch ungeboren – jede Lebensfähigkeit absprachen, in Wahrheit nicht wissend, sondern in einem unwürdigen Pakt der Wahrscheinlichkeit und der Vergangenheit verbunden.
Dieses Jahr belehrt er sie eines Besseren und lässt sie dastehen wie Spieler, die ihre Glückssträhne verlassen hat. Hönisch funkelt er mit gleißendem Auge auf seine ungläubigen Anbeter hinab, wissend, dass die wenigen wahrhaft Gläubigen sich nicht unter jenen finden lassen, die frenetisch jubelten, wenn er in der Vergangenheit gelangweilt, mürrisch und launenhaft zweifelhafte Phasen kurzen Aufglimmens zu präsentieren geruhte, nur um die Feier verfrüht wieder zu verlassen, übellaunig und enttäuscht.
Ja, ich mag ihn wirklich, diesen harten Hund mit seinem staubtrockenen Humor, der endlich einmal zeigt, was wirklich in ihm steckt. Der sein aufgerissenes und rauh-staubiges Gesicht, sein bröckelndes und grelles Lachen zeigt und alle daran erinnert, dass er auch ganz anders kann als ein paar Tage Zimmertemperatur im Jahr. Beinahe herbstliche Melancholie gewinnt er durch diesen Streich. Denn die sengende Hitze ist der Vergänglichkeit nicht ferner, als der Herbst dem ersten tödlichen Bodenfrost. Hart wie Eis liegt die trockene Einöde da.
Manche Gärten bilden kleine, weiche Oasen in der Heißwüste. Doch auch dort schweigen die Vögel im Schatten; tagsüber, im Morgengrauen und in den Abendstunden. Pflanzen ziehen sich ausgetrocknet zusammen, während sich der Grund rissig öffnet; wund und spröde.
Staunend und schwitzend wandele ich durch die Jahrhundertwüste. Ich, der Herbstfreund, der Winterkenner, der Halbwetterhasser und der Sommerdulder, bin begeistert von diesem Sommer und der Entgeisterung der Meteorologen und der selbsternannten Sonnenanbeter. Mir gefällt es, sie sich ausgetrocknet und verbrannt im Staub winden und nach Wasser winseln zu sehen. Ihre brüchigen Blicke gen brennendblauen Himmel gerichtet, die aufgesprungenen Lippen heiße Gebete um Abkühlung aushauchend.
Still knie ich innerlich nieder, vor der Schönheit, der Anmut, der Unerbittlichkeit und Selbstverständlichkeit dieses echten und wahren Sommers, vor der Grazie dieses Hitzegiganten, der die falschen Gläubigen verbrennt und der seine Macht spüren lässt, dem Lichtwunder, das versöhnlich eine Ahnung von Wind durch die Steppe schickt um Staubbrüder statt Regenwolken durch die Straßen statt über den Himmel zu schicken. Ich verneige mich, glücklich lächelnd, in der Hoffnung auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr.
©G.D.
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