Ein Longboard. Ein Park. Eine Nacht.

 

Hätte er erwarten können, dass das Schicksal auf den vier Rollen eines Longboards, an einem späten Dienstagabend, deutlich zu schnell für die herrschende Dunkelheit, durch einen Park auf ihn zu rast; den blonden Lockenkopf mit dunkel geschminkten Lippen vom Bügel der Kopfhörer nur mäßig gebändigt, in der einen Hand das Handy haltend, das die Kopfhörer mit Musik und das Gesicht mit einem bläulich weißen Schimmer versorgt? Nein.

 

Hätte Sie erwarten können, dass das Schicksal mitten im nächtlichen und spärlich beleuchteten Park als ein Idiot mit wuscheligen braunen Haaren auf dem in einem Buch versenkten Kopf von einer Parkbank aufsteht und mit einem Füller die Seiten des Buches füllend mitten über den Weg in ihre Fahrt taumelt, während er Musik aus dem MP3-Player in seiner Hosentasche über die in-ear-Kopfhörer in seine Ohren, durch seinen Kopf in die Hand und aus der Hand mit dem Füller auf die Seiten fließen lässt? Nein.

 

Und wahrscheinlich aus diesem Grund, blickt er erst in dem Moment auf, als Sie bemerkt, was da plötzlich in ihren Weg gelaufen ist. Während sie gemeinsam und doch jeder für sich in den üblichen Sekundenbruchteilen die weitere Entwicklung vorausberechnen, ohne die wahre Dimension des von beiden für sicher gehaltenen Zusammenpralls zu erfassen, bleibt ihnen ebenfalls verborgen, wie weit in die Zukunft sich die Kollisionsfolgen erstrecken werden und auch, dass es aufgrund der Macht der Kollision zu einer Fusion kommen wird.

 

Die beiden, die selbe Szene aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtenden, Zukunftsprognosen, lassen Sie den Mund öffnen ohne zu schreien und gleichzeitig die Hand eisern um das Handy schließen, dass – verschluckt vom Geräusch der über den Asphalt raschelnden Rollen, leise knackt. Die zweite Hand zuckt aus der Jeanstasche hoch, in der sie bis zu diesem Moment locker gesteckt hatte. Die Haut über den Knöcheln reißt an einer unsauber verarbeiteten Niete der Tasche unmittelbar über zwei Knöcheln auf und das Blut beginnt, von beiden unbemerkt, leise hervorzusickern.

Ihm fällt der schwarze Füller aus der Hand, der zuerst mit der Rückseite aufschlägt und purpurne Tropfen auf den schwarzen Boden und den Stoff seiner Schuhe verteilt, während die andere Hand das Buch so fest mit den Fingern greift, dass die Seiten sich verschieben und ohne wahrgenommenes Geräusch zu knicken und zu reißen beginnen. Seine Augen weiten sich, angesichts dessen was er auf sich zukommen zu sehen glaubt. Seine Kiefer schrauben sich so gegeneinander, dass die Gesichtsmuskeln unter dem Drei-Tage-Bart leichte Wellen auf seine Wangen zeichnen.

 

Vier Hände und vier Arme strecken sich einander entgegen. Ein Buch und ein Mobiltelefon fallen, einander schräg gegenüber und beschleunigt von derselben Kraft, zu Boden, gleichsam den weiteren Ablauf vorwegnehmend.

 

Das Board lässt Sie ihm auf Augenhöhe entgegen fliegen. Ihre rechte Hand verfehlt seine Brust und schiebt sich oberhalb seiner linken Schulter an seiner Wange vorbei. Die roten Fingernägel hinterlassen gleichfarbige Spuren auf seiner Wange und an seinem Ohr, wie die Kondensstreifen sehr kleiner Flugzeuge. Die Finger verheddern sich im Kabel seiner Kopfhörer und reißen beide aus seinen Ohren und den Stecker aus dem Player in seiner Hosentasche.

 

Er hat sich verschätzt. Seine Hände finden zwar ihren Pulli und stoßen doch rechts und links an ihrem Körper vorbei, weil der Pulli ihr eigentlich viel zu weit ist. Wie die Hörner des Stiers durch das rote Tuch, so finden auch seine Hände kein Ziel hinter dem Stoff.

Ihre linke Hand prallt auf seine rechte Schulter, rutscht ab und verschwindet ebenfalls hinter seinem Kopf.

Er wirbelt, von der Wucht des Aufpralls mitgerissen, herum und reißt Sie mit den um ihren Körper geschlungenen Arme mit. Er versucht einen Schritt rückwärts. Sein Fuß findet statt des Bodens das inzwischen unter ihnen hindurch gerollte und zu seinem letzten Auftrag ansetzende Board, das Sie bereits bei ihm abgeliefert hat und deshalb als letztes noch den gemeinsamen Fall in die rechte Richtung lenken kann, im Übrigen aber nutzlos geworden ist.

 

Sie – seine Arme um ihre Hüften fühlend – fällt – ihre Arme um seinen Hals geschlungen und sich gemeinsam mit ihm um eine gemeinsame Achse drehend – Richtung Rasenfläche.

 

Beide drehen sich genau einmal umeinander bevor sie landen: überrascht im Gras, er auf dem Rasen, sie auf ihm, er bei ihr und sie bei ihm.

© G.D.