Manchmal da finde ich diesen alten Mann im Garten, hinter dem Schuppen, in der Laube, im Gras unter einem Haufen Blätter oder sitzend auf der verwitterten Holzbank. Meist ist der Bart wieder etwas weißer und deutlich länger geworden. Die Hose ist abgewetzter, die Jacke fleckiger als zuvor und das Gesicht voller neuer Geschichten, eingeprägt in die dunkle Haut, die mehr Sonne gesehen hat als so mancher Baum, aber auch mehr Regen.
Jedes Mal fühle ich mich schuldig, weil ich so lange nicht mehr im Garten nach ihm gesehen habe. Dann frage ich mich: „Warum eigentlich nicht?“ und stets kann ich keine zufriedenstellende Antwort darauf finden.
Ich mag ihn. Seine Ruhe, seine Erfahrung, die er so gut verpackt weiterzugeben weiß, dass man sich weder klein noch unerfahren oder gar dumm vorkommt.
Ich lade ihn ein, herein zu kommen, wasche seine Sachen für ihn, lasse ihn duschen oder baden und koche mit ihm. Wir essen gemeinsam und ich höre mir an, was er an Erlebnissen zu berichten hat. Er isst langsam und bedächtig, genau wie er spricht. Und beides nicht zu viel. Anfangs bin ich immer noch etwas nervös, weil ich finde, er könnte schneller zum Punkt kommen, aber schon nach einer kurzen Weile entdecke ich für gewöhnlich, dass nichts von dem Erzählten für die Geschichte bedeutungslos ist. Dann werde ich ganz plötzlich ruhig und lasse all das Erzählte nicht nur durch mich hindurch, sondern in mich hinein fließen. Die Zeit und die Pflichten lasse ich einfach stehen, wandere zwischen den Minuten und Stunden hindurch, ohne ihnen größere Beachtung zu schenken und setze mich letztlich auf einen Stein am Rande des Gedankenflusses, um all dem vorbei Treibenden zuzusehen.
Jedes einzelne Mal bemerke ich, dass er mir mit seinen Ideen, Geschichten und Ratschlägen gefehlt hat. Vor allem aber mit seiner alles bedeckenden Ruhe und Gelassenheit, die niemals Gleichgültigkeit aber stets Gleichmut beinhaltet.
Die Stressecken zerfließen angeschmolzen zu glatten Ruherundungen und die Hektikporen verfeinern sich, bis nur noch Entspannungsebene übrig ist. Das mich innerlich oft begleitende Zappeln und Wippen nimmt ab und es ist nicht Stillstand der eintritt, sondern ein leichtes, agiles und gewandtes Dahinfließen. Kein Unwetter, vielmehr ein Landregen, der das lang ersehnte Wasser und eine angenehme Abkühlung bringt.
Woher er kommt, habe ich ihn nie gefragt. Er war schon immer in meinem Garten. Wieso ich ihn herein bitte, hat er mich nie gefragt. Und beschwert, dass seit dem letzten Mal so viel Zeit vergangen ist, hat er sich auch nie. Wahrscheinlich weiß er sehr genau, was wir aneinander haben. Vermutlich sogar besser als ich.
Vielleicht bin ich mir aber auch nur zu selten des Umstandes bewusst, wer und was mich erwarten, wenn ich das Haus einmal in die andere als die gewohnte Richtung verlasse. Andernfalls würde ich viel häufiger die Hintertür nehmen, um das Gartenwunder zu erleben.
Irgendwann und irgendwie habe ich diese Tür selten und seltener benutzt. Vielleicht kamen mir andere Dinge wichtiger vor. Möglicherweise dachte ich, dass ich mich noch früh genug mit alten Menschen abgeben müssen würde. Es kann auch sein, dass ich zu eitel war um die Ratschläge und Erfahrungen des Alten anzuhören und deshalb irgendwann für immer länger werdende Zeiträume nur die Vordertür verwendete, vergessend welche Fehler mir seine Geschichten erspart und welche Vorteile sie mir beschert hatten.
Wieder einmal entdecke ich das alles in mir und auch heute bin ich froh und dankbar, dass er dennoch immer wieder da ist, wenn ich den Garten betrete. Freundlich und strahlend, wie eh und je. Nicht enttäuscht, nicht anklagend, nicht belehrend. Kein Wort der Beschwerde verlässt je seine Lippen. Nur eine weitere, faszinierende Geschichte.
© G.D.
14. Oktober 2017 at 22:28
Eindrücklich und fliessend erzählt. Eine fast schon göttliche Metapher.
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